FrAktion Gesundheit
Wir und unsere Patienten und Patientinnen leiden unter dem zunehmenden Druck wirtschaftlicher Rendite-Interessen im Gesundheitswesen. Unsere aktuellen Forderungen resultieren aus unseren gemeinsamen Erfahrungen in der täglichen Arbeit mit den Patient/innen sowie aus eigenen Problemen mit Arbeitsplatz und Einkommen, Karriere und Weiterbildung.
Wir fordern wieder Vorrang der ärztlichen Verantwortung vor ökonomischen Interessen. Ärztlicher Sachverstand muss Taktgeber in der Gesundheitspolitik sein. Wettbewerb der neoliberalen Art hat die gesundheitliche Versorgung nicht verbessert, sondern verschlechtert. Zu den Ergebnissen zählen Arbeitsplatzverdichtung, Zeitdruck, Kostendruck, falsche Anreize, unnötige Leistungen.
Wir fordern Unabhängigkeit von den Einflüssen der Medizinprodukte- und Pharmaindustrie. Dazu gehört auch die industrieunabhängige Fortbildung unter dem Dach der Ärztekammer.
Wir fordern weiterhin ein paritätisch finanziertes Gesundheitssystem. Zur Finanzierung müssen alle Einkünfte einbezogen und die Beitragsbemessungsgrenze angehoben werden. Das Einfrieren des Arbeitgeberanteils muss wieder rückgängig gemacht werden. Eine Kopfpauschale lehnen wir als unsozial und nicht seriös finanzierbar ab.
Wir wenden uns gegen die zunehmende Privatisierung besonders kommunaler Kliniken in Zeiten systembedingter Finanznot der Kommunen. Deshalb sind wir auch entschieden gegen eine mögliche Privatisierung von Vivantes oder Charité.
Wir sehen es als Aufgabe ärztlicher Prävention an, Gesellschaft und Politik auf die psychosomatischen und psychosozialen Krankheitsfolgen einer zunehmend unsozialen Wirtschafts- und Gesellschaftsform eindringlich hinzuweisen und auf Abhilfe zu drängen. Ursachen sind zunehmende Verarmung, unsichere und unterbezahlte Arbeitsplätze, Arbeitslosigkeit, ungleiche Bildungschancen und soziale Ausgrenzung. In Berlin sind niedergelassene Kolleginnen und Kollegen besonders in sozial schwachen Bezirken mit solchen Folgeerkrankungen längst überfordert. Zugleich hat die Aufhebung der bezirklichen Zulassungs-Beschränkung zugunsten von Gesamtberlin die wohnortnahe ambulante Versorgung in den Problembezirken noch verschlechtert.
Wir fordern eine sinnvoll begrenzte, dezentrale Informationstechnik in Klinik und Praxis. Die elektronische Gesundheitskarte (E-Card) mit der deutschlandweit zentralen Speicherung aller sensiblen Patientendaten lehnen wir ab. Dies nützt nicht den Patient/innen, sondern dient nur externen Interessen. Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung und die ärztliche Schweigepflicht gehören zur Grundlage des Vertrauensverhältnisses zwischen Arzt und Patient
Für bessere Arbeitsbedingungen in den Kliniken
Technisierung der Medizin, leitlinienkonformes Vorgehen und ökonomischer Druck bestimmen immer mehr unsere Arbeit in den Kliniken. Der professionelle Erfolg und die Berufszufriedenheit mit ärztlicher Tätigkeit hängen aber ganz wesentlich von der individuellen Beziehung zwischen Arzt und Patient ab. Daher ist die Gestaltung leistungs- und gesundheitsförderlicher Arbeitsbedingungen für Ärztinnen und Ärzte von zentraler Bedeutung.
Die FrAktion Gesundheit setzt sich ein für:
Entlastung von Bürokratie bzw. nichtärztlichen Aufgaben durch zusätzliche Tätigkeitsfelder im Krankenhaus, zum Beispiel durch BlutabnahmehelferInnen, StationssekretärInnen, ArzthelferInnen und DokumentationsassistentInnen.
Einhaltung arbeitszeitrechtlicher Bestimmungen durch ausreichende personelle Ausstattung im Krankenhaus. Eine weitere Arbeitsverdichtung lehnen wir ab. Bereitschaftsdienste müssen fachlich kompetent, arbeitsrechtlich korrekt und familienfreundlich organisiert werden. Aus Verantwortung für unsere Patienten sind wir gegen fachübergreifende Dienste.
Tariferhöhungen müssen in den Budgets angemessen berücksichtigt werden, da ein Stellenabbau zur Gegenfinanzierung die Versorgungsqualität gefährdet und die Arbeitsverdichtung weiter erhöht. Zudem müssen Überstunden ebenfalls dokumentiert und vergütet werden.
Unsere Arbeitsplätze müssen familienfreundlicher werden. Sie müssen Aufstiegschancen auch in Teilzeittätigkeit ermöglichen. Dazu sind betriebsinterne Kinderbetreuungsangebote nötig. Kurzzeitverträge lassen keine Planungssicherheit zu.
Eine Verbesserung der Führungskompetenz von Chef- und OberärztInnen z.B. bei Kommunikationstechniken, da die Unterstützung durch Vorgesetzte eine wichtige Ressource für Arbeitszufriedenheit ist. Klare Entscheidungskompetenzen und damit transparenter Handlungsrahmen stärken die Teamarbeit.
Fortbildung ohne Sponsoring von Pharmaindustrie und Medizintechnik. Bei neuen Arzneimitteln fordern wir eine Pharma-unabhängige Beratung. Initiativen wie MEZIS („Mein Essen zahl ich selbst“) geben hier eine Richtung vor.
Individuelle Förderung der weiterzubildenden Ärztinnen und Ärzte in einem arbeitsfreundlichen Umfeld, um die Arbeitsqualität und Motivation zu fördern und frühzeitig Burn-out- und Sucht -Probleme zu vermeiden. So lassen sich die positiven Perspektiven des Arztberufes stärken und eine weitere Abwanderung von Ärztinnen und Ärzten verhindern.
Für eine bessere ambulante Medizin
Die FrAktion Gesundheit stellt fest:
Gesundheit ist keine Ware. Die Ökonomisierung im Gesundheitswesen dominiert zunehmend auch das ärztliche Handeln. Pharma- und Einzelinteressen steuern unverhältnismäßig die Finanzströme.
Die Zunahme der außerhalb der GKV erbrachten Leistungen (z.B. Privat- und IgeL-Leistungen) entzieht dem Solidarsystem personelle Ressourcen und schafft eine Mehrklassenmedizin.
Die FrAktion Gesundheit setzt sich in der Ärztekammer ein:
für eine patientenzugewandte Medizin gegenüber einer nur wertschöpfenden Fallbehandlung, bei der der Verdienst am Patienten in den Vordergrund und das Wohl des Patienten in den Hintergrund treten,
für ein plurales Versorgungssystem mit fachübergreifendem Ansatz. Wir sind offen für alternative Versorgungsformen, insbesondere von regionalen Kooperationen. Wir setzen uns für den Abbau behindernder Regularien ein,
für die Abschaffung überbordender Bürokratie, ausufernder Rabattverträge und finanzieller Fehlanreize,
für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wir möchten daher Strukturen mit angestellten Ärzten sowohl in der Einzelpraxis als auch in kooperativen Strukturen fördern,
für eine gute Zusammenarbeit von Haus- und Fachärzten, um unseren Patienten eine unkomplizierte fachübergreifende Betreuung zu gewährleisten,
für Möglichkeit zur Weiterbildung auch in anderen Fachgebieten im ambulanten Sektor wie in der Allgemeinmedizin,
für einen finanziellen Ausgleich und bessere Honorare bei Ärzten, die in Problembezirken tätig sind.
Für bessere Weiterbildung
Viele Kolleginnen und Kollegen sind unzufrieden mit der Facharztweiterbildung. Zu recht! Der Berufsstart wird von vielen als ein Sprung ins kalte Wasser erlebt, denn:
Die Einarbeitungsphase verläuft ungeplant und ohne ausreichende Anleitung. Ärzt/innen in Weiterbildung werden viel zu früh allein gelassen.
Ober- und Chefärzt/innen sind in Funktions- und Verwaltungstätigkeiten eingebunden und stehen daher nur eingeschränkt für die persönliche Weiterbildung zur Verfügung.
Arbeitshetze und patientenferne bürokratische Tätigkeiten bestimmen den Klinikalltag. Die Weiterbildung erfolgt als Nebenprodukt der klinischen Tätigkeit.
In den Zeugnissen werden nicht selten Inhalte bescheinigt, die für die Facharztprüfung verlangt werden, in Wirklichkeit aber nicht erworben wurden, bzw. nicht erworben werden konnten.
Die regelmäßige theoretische Fortbildung kommt zu kurz. Sie kann nur in der Freizeit stattfinden und konkurriert hier mit privaten Anforderungen wie Kindererziehung und Erholung. Hinzu kommt, dass externe, nicht pharmagesponserte Fortbildungen häufig privat finanziert werden müssen.
Die Weiterbildung verläuft unstrukturiert. Ein Weiterbildungsprogramm wie durch die Weiterbildungsordnung vorgeschrieben existiert häufig nicht.
Trotz der relativ positiven Bewertung der erstmaligen bundesweiten Weiterbildungsbefragung sind diese Mängel evident. Aufgabe der Ärztekammer muss es sein, von der Politik deutlicher die notwendigen Rahmenbedingungen für angemessene Weiterbildung einzufordern. Sie ist aufgefordert, eine Diskussion mit den Fachgesellschaften über das Missverhältnis von Weiterbildungsanspruch und -wirklichkeit zu initiieren. Dem sollte auch bei der Erteilung von Weiterbildungsbefugnissen Rechnung getragen werden. Die Weiterbildungsbefragung ist weiter zu verbessern und die Ergebnisse sind zukünftig für die Weiterbildungsassistenten transparent zu veröffentlichen.
Die Ärztekammer Berlin muss Weiterbildungsbefugte und Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung besser als bisher unterstützen. Dazu gehört: Problemloser und zeitnaher Zugang zu Beratungsgesprächen sowie Ausbau der „vor-Ort-Beratung“ in den Kliniken Unterstützung der fachübergreifenden Vernetzung von Weiterzubildenden in einer geschützten Atmosphäre, z.B. durch einen offenen Stammtisch oder Rundbriefe Offenlegung, Einhaltung und Verkürzung von Bearbeitungsfristen Schulungen und Erfahrungsaustausch für Weiterbildungsbefugte: „Wie kann ich die Weiterbildung in meiner Klinik/Praxis verbessern?“ Die Erarbeitung von Weiterbildungszielen entsprechend der WBO und der Logbücher sowie entsprechender Standards für den Prüfungsablauf. Faire und kollegiale Atmosphäre bei den Facharztprüfungen
Wiederbestellung eines vorstandsunabhängigen Ombudsmannes für die Weiterbildung.
Die FrAktion Gesundheit fordert, dass die Weiterbildungsbefugnis wie in Bayern an die Verpflichtung geknüpft wird, qualitätssichernde Maßnahmen wie z.B. die Weiterbildungsbefragungen zu unterstützen. Ein entsprechender Beschluss des diesjährigen Ärztetages muss auch in Berlin umgesetzt werden. Dazu gehört auch die Bereitschaft, Schulungsangebote der Kammer wahrzunehmen, wenn die Befragung Mängel aufdeckt.
Die FrAktion Gesundheit fordert eine Weiterbildungsfinanzierung, die den tatsächlichen Aufwand der Weiterbildung realistisch gegenfinanziert und die Bereitstellung von Weiterbildungsstellen belohnt
Die FrAktion Gesundheit ruft zur energischen Verbesserung der ärztlichen Weiterbildung auf. Denn eine Verbesserung der Weiterbildung bedeutet immer auch die Verbesserung der Patientenversorgung!
Für eine bessere Ärztekammer
Die Ärztekammer Berlin ist von einer Dienstleistungseinrichtung für die Ärztinnen und Ärzte zu einem bürokratischen Verwaltungsapparat mutiert. Die Umstrukturierungen in der Kammerverwaltung haben zu einer Abschottung nach außen geführt, die es den Mitgliedern erschwert, direkte Ansprechpartner/innen für ihre Anliegen zu finden. Beispielhaft zu nennen sind hier die knapp bemessenen Sprechzeiten, ausschließliche online-Beantragungen, begrenzte Beratungsangebote, Verhinderung der Kontaktaufnahme zu zuständigen Sachbearbeitern u.v.a.
Wichtige Diskussionen über aktuelle Probleme wie z.B. die Krankenhauspolitik des Berliner Senats, die gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung sowie die Probleme in der Weiterbildung unserer jungen Kolleginnen und Kollegen werden nicht mehr geführt.
Die Delegiertenversammlung als höchstes Gremium der Ärztekammer ist zu einem Akklamationsorgan des Vorstandes verkommen, das die Vorabentscheidungen des Vorstandes lediglich bestätigt und eine Diskussion und Entscheidungsfindung des Gremiums verhindert.
Das wollen wir durch Veränderung der Mehrheitsverhältnisse ändern!